Liebe Frau Grütters, lieber Herr Heil, lieber Herr Müller, lieber Herr Lederer und liebe Frau Breitenbach,

 wir, das EnsembleBündnisBerlin, ein Zusammenschluss der festangestellten Ensembles der Schaubühne, des Theaters an der Parkaue, der Volksbühne Berlin, des Maxim Gorki Theaters, des Berliner Ensembles und des Deutschen Theaters, wenden uns an Sie, im Vorfeld der vorsichtigen Wiederaufnahme des Spielbetriebes und der Theateröffnungen für den Publikumsverkehr, um den Fokus erneut auf die grundsätzlichen Probleme für freischaffende und unständig beschäftigte Schauspieler*innen zu lenken.
 
Die derzeitige und nach wie vor anhaltende pandemiebedingte Ausnahmesituation fördert die systemimmanenten, existenziellen Widrigkeiten für freiberufliche Schauspieler*innen deutlich zu Tage; Widrigkeiten, mit denen sie seit Jahren konfrontiert sind und die dringend einer Reform bedürfen.
 
Die berufsfernen Auflagen für die Corona-Hilfen, an denen die meisten freiberuflichen Schauspieler*innen scheiterten, sind vielleicht das jüngste Beispiel dafür. Nach fast einem Jahr Pandemie greift nun auch die Neustarthilfe und neuerdings zusätzliche Gelder für unständig Beschäftigte. Wir hoffen nun, dass in der Praxis der Antragsstellung ihre Arbeitsrealität erkannt und abgebildet wird. Das wäre eine wichtige Entwicklung.
 
Dennoch wird eine Einmalhilfe nicht ausreichen, die Verdienstausfälle von einem Jahr auch nur ansatzweise auszugleichen. Für freiberufliche Schauspieler*innen gibt es in unserem System keine einheitlichen Regelungen, wofür wir uns dringend gesetzmäßig verankerte Änderungen wünschen.
 
Sobald Schauspieler*innen nicht in einer öffentlich geförderten Institution fest angestellt sind, mangelt es ihnen an direkten Ansprechpartner* innen, sowie konsequenten rechtlichen und sozialen Absicherungen, die sie vor Ausbeutung und Prekarisierung schützen, auf die sie sich legitimerweise beziehen und die sie gegebenenfalls einfordern können.
 
Die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur gestaltet sich oft schwierig, da die Sachbearbeiter*innen häufig ungeschult oder unerfahren in Bezug auf die Lebens- und Arbeitsrealität sind, was zu Verzögerungen, Fehlentscheidungen, Willkür führt und freiberufliche Schauspieler*innen in eine illegitime Abhängigkeit als Bittsteller*innen zwingt.
 
Als weisungsgebundene Soloselbstständige ist ihnen eine Aufnahme in die Künstlersozialkasse so gut wie unmöglich, da sie selten auf Honorarbasis arbeiten, sondern zumeist unstet beschäftigt sind - weshalb das kostspielige Thema der Krankenversicherung freiberufliche Schauspieler*innen permanent begleitet.
 
Freischaffende Schauspieler*innen haben einen überdurchschnittlich hohen bürokratischen Mehraufwand, der zumeist in keinem Verhältnis zum Verdienst steht. Viele Steuerberater*innen vertreten daher keine freiberuflichen Schauspieler*innen mehr – es lohnt sich einfach nicht.
 
Die Ausführungen oben sind nur als Auszug zu verstehen und verdeutlichen:
 
Wir brauchen eine konsequente Gesetzgebung, die die Besonderheiten des Berufsstandes der Schauspieler*innen ernst nimmt, rechtlich schützt, sozial absichert und in den Amtsorganen kommuniziert und verankert!

Wir appellieren des Weiteren an die Intendant*innen und die kommunalen Träger von "coronabedingten" Kürzungen und entsprechenden Vertragsparagraphen Abstand zu nehmen und in unsicheren Zeiten mit ihren betroffenen "Gästen" verstärkt an Absicherungen und Perspektiven zu arbeiten!

Diesbezüglich bitten wir die Trägerschaften und Entscheidungsträger*innen der Berliner Theaterpolitik im Sinne eines kreativen, gemeinschaftlichen und sozialen Miteinanders der künstlerisch Beschäftigten ihrer Häuser, die Theater darin besonders zu unterstützen!

Wir suchen den Dialog zwischen Kunst und Politik!
 
Dafür treten wir mit diesem Brief ein - solidarisch für unsere freischaffenden Kolleg*innen und unser aller Zukunft.